Das angelsächsische Futhorc erweiterte die Reihe auf bis zu 33 Zeichen. Die Deutungen folgen dem altenglischen Runengedicht (gemeinfrei).
Das angelsächsische Futhorc erweiterte die Reihe – auf bis zu rund 33 Zeichen. Grund war der Sprachwandel: Das Altenglische (und Altfriesische) hatte neue Laute, für die neue Runen geschaffen wurden. In Gebrauch war es etwa vom 5. bis 11. Jahrhundert in England und Friesland.
Aus dieser Tradition stammt das ausführlichste der drei Runengedichte, das altenglische (Handschrift um 1000, überliefert nach der 1731 im Brand der Cotton-Bibliothek verlorenen Vorlage). Berühmte Denkmäler sind das Franks Casket (Walknochenkästchen, um 700), das Ruthwell-Kreuz und der Seax von Beagnoth – das einzige Objekt, das das vollständige Futhorc trägt.
Im Runengedicht. Reichtum ist allen ein Trost; doch jeder soll ihn freigebig teilen.
Altenglisch feoh „Vieh, Besitz" (→ engl. fee). Das Gedicht mahnt: Reichtum tröstet, doch teile ihn reichlich. → Fehu ausführlich
Im Runengedicht. Der Auerochse ist kühn und gehörnt, ein mutiges Tier, das über das Moor schreitet.
Ae. ur „Auerochse" – das wilde Rind: „trotzig und hochgehörnt, ein Moorgänger voll Mut". Im Norden dagegen „Nieselregen". → Uruz ausführlich
Im Runengedicht. Der Dorn ist scharf, jedem übel, der ihn fasst – grausam zu greifen.
Ae. entschärft den heidnischen Riesen (Þurs) zum harmlosen „Dorn": „überaus scharf, übel zu greifen". → Thurisaz ausführlich
Im Runengedicht. Der Mund ist der Sprache Ursprung, Stütze der Weisheit und Trost der Weisen.
Ae. os „Mund" (nach lat. os), „Ursprung aller Rede". Die Urform *ansuz meinte einen Gott – das Christentum tilgte den Namen. → Ansuz ausführlich
Im Runengedicht. Reiten ist im Saal leicht; auf hartem Ross über die Meilen viel mühsamer.
Ae. rad „Ritt, Weg" (→ engl. road): im Saal leicht, auf langer Straße kühn. → Raidho ausführlich
Im Runengedicht. Die Fackel ist jedem Lebenden Licht und Flamme, hell, wo die Edlen ruhen.
Ae. cen „Kienspan, Fackel": „hell und leuchtend, brennt, wo die Edlen ruhen". Im Norden dagegen „Geschwür". → Kenaz ausführlich
Im Runengedicht. Die Gabe bringt Anmut und Ehre, Halt und Würde unter den Menschen.
Ae. giefu „Gabe": Freigebigkeit bringt Ehre – und dem Ausgestoßenen Unterhalt. Fiel im Jüngeren Futhark aus. → Gebo ausführlich
Im Runengedicht. Wonne kennt, wer wenig Leid erfährt, in Glück und Fülle wohnt.
Ae. wynn „Wonne": Glück heißt Abwesenheit von Not – ein sicheres Dach, genug. Wurde selbst zum ae. Buchstaben Ƿ. → Wunjo ausführlich
Im Runengedicht. Hagel ist das weißeste Korn; er wirbelt vom Himmel und wird zu Wasser.
Ae. hægl „Hagel": „das weißeste Korn, wird zu Wasser". Öffnet die zweite Ætt. → Hagalaz ausführlich
Im Runengedicht. Not beengt das Herz, wird aber oft den Menschenkindern zu Hilfe und Heil, wenn sie ihr früh begegnen.
Ae. nyd „Not": beklemmend, doch „oft zu Hilfe und Heil, hört man beizeiten". → Nauthiz ausführlich
Im Runengedicht. Eis ist kalt und überaus glatt, glänzend wie Glas, dem Edelstein gleich.
Ae. is „Eis": „glasklar, den Edelsteinen gleich" – schön und tückisch zugleich. → Isa ausführlich
Im Runengedicht. Das Jahr ist der Menschen Hoffnung, wenn Gott die Erde Frucht bringen lässt.
Ae. ger „(gutes) Jahr, Ernte" (→ engl. year): Hoffnung der Menschen auf leuchtende Frucht. → Jera ausführlich
Im Runengedicht. Die Eibe ist ein rauer Baum, fest verwurzelt, Hüter des Feuers, eine Freude des Hofes.
Ae. eoh „Eibe": „rau, hart, fest in der Erde" – der immergrüne Baum, Bogenholz. Nicht mit Yr verwechseln. → Eihwaz ausführlich
Im Runengedicht. Spiel und Lachen erklingen, wo tapfere Männer in der Halle fröhlich beisammensitzen.
Ae. peorð – Bedeutung ungeklärt; der Hallen-Kontext („Spiel und Gelächter") legt einen Würfel-/Losbecher nahe. → Perthro ausführlich
Im Runengedicht. Das Riedgras wohnt im Sumpf; wer es greift, dem versengt es die Hand.
Ae. eolh-secg „Elch-Riedgras": schneidet grimmig – Schutz durch Wehrhaftigkeit. → Algiz ausführlich
Im Runengedicht. Die Sonne ist den Seefahrern stets Hoffnung, wenn sie über das Bad der Fische fahren.
Ae. sigel „Sonne": Hoffnung der Seefahrer. Die doppelte Sig-Rune als „SS" ist ein moderner Missbrauch (s. Schwarze Sonne). → Sowilo ausführlich
Im Runengedicht. Tir ist ein Zeichen, das Treue hält; nie trügt es, stets hält es seinen Lauf am Nachthimmel.
Ae. Tir = der Gott Tiw / ein Leitstern: „hält Treue, versagt niemals". Der einhändige Kriegsgott. → Tiwaz ausführlich
Im Runengedicht. Die Birke trägt keine Frucht, doch grünt sie reich an Trieben, schön gekrönt.
Ae. beorc „Birke": treibt ohne Samen Schösslinge – Sinnbild des Neubeginns. → Berkano ausführlich
Im Runengedicht. Das Ross ist der Edlen Stolz, ein Trost den Ruhelosen, im Gespräch der Reichen.
Ae. eh „Ross": Freude der Edlen, Bild von Vertrauen und Zusammenwirken. Fiel im Jüngeren Futhark aus. → Ehwaz ausführlich
Im Runengedicht. Der Mensch ist seinen Lieben teuer, doch alle sind dem Tod geweiht.
Ae. mann „Mensch": „den Verwandten lieb, doch jeder muss den anderen einst verlassen". → Mannaz ausführlich
Im Runengedicht. Das Wasser scheint endlos, wenn das schwankende Schiff auf den Wogen treibt.
Ae. lagu „Wasser, See": „endlos, wenn man auf schwankem Kahn hinauswagt". → Laguz ausführlich
Im Runengedicht. Ing ward zuerst bei den Ostdänen gesehen, bis er ostwärts über die Wogen fuhr.
Ae. Ing = der Gott (Yngvi-Freyr), Ahnherr der Ynglinge: „zuerst bei den Ost-Dänen gesehen, dann ostwärts über die See". → Ingwaz ausführlich
Im Runengedicht. Heimat ist jedem teuer, wo er in Recht und Frieden Wohlstand genießt.
Ae. eþel „Erbhof, Heimat" (urgerm. *ōþala): das ererbte Land der Sippe. Die Odal-Rune wurde neuzeitlich politisch missbraucht. → Othala ausführlich
Im Runengedicht. Der Tag ist des Herrn Bote, Licht und Hoffnung, Freude für Arm und Reich.
Ae. dæg „Tag": „das herrliche Licht des Schöpfers" – Durchbruch und Hoffnung. → Dagaz ausführlich
Im Runengedicht. Die Eiche nährt das Vieh mit Mast und gibt festes Holz für die See.
Nur im Futhorc: ae. ac „Eiche". Das Gedicht: die Eichel mästet die Schweine, das Eichenholz trägt Schiffe übers Meer. → Runenkunde
Im Runengedicht. Die Esche ragt hoch und heilig, fest im Stand, ein treuer Schaft.
Nur im Futhorc: ae. æsc „Esche" (auch „Speer"): „hoch und kostbar, leistet zähen Widerstand" – Baum der Weltesche und der Speerschäfte. → Runenkunde
Im Runengedicht. Zier und Wehr der Edlen, schön auf dem Ross, verlässlich auf der Reise.
Nur im Futhorc, für /y/: ae. yr – wohl „Bogen" (aus Eibe) oder verziertes Gerät: „Zier und Ehre jedem Fürsten". → Runenkunde
Im Runengedicht. Das Flusstier lebt im Wasser, nährt sich doch an Land, in schöner Behausung.
Nur im Futhorc: ae. ior – ein Wassertier (Aal/Molch): „ein Flussfisch, der doch am Land sich nährt, umschlossen von Wasser". → Runenkunde
Im Runengedicht. Die Erde ist den Edlen schaurig, wenn das Fleisch erkaltet und zur Scholle wird.
Nur im Futhorc: ae. ear „Erde, Grab" – die Todesrune: „grausam jedem, wenn der Leichnam erkaltet und der dunklen Erde übergeben wird". → Runenkunde
Runengedicht-Texte gemeinfrei nach Bruce Dickins, Runic and Heroic Poems (Cambridge 1915), sowie dem norwegischen und isländischen Runengedicht. Deutung, Datierung und Etymologie nach R. I. Page (Runes), Michael Barnes (Runes – A Handbook), Klaus Düwel (Runenkunde) und Tineke Looijenga; zum Svingerud-/Hole-Stein: Antiquity (2025). Wo Name oder Deutung umstritten sind, ist es vermerkt. Vertiefend: Runenkunde-Überblick & die 24 Einzel-Runenseiten.
Frei nach dem altenglischen Runengedicht (gemeinfrei). © Glanz & Gravur.