
Not & Wille
Nauthiz ist die Not, der Zwang, aber auch der Wille, der an ihm wächst. Sie lehrt Geduld und Selbstgenügsamkeit und erinnert daran, dass aus Mangel oft die größte Kraft erwächst. Frage dich, was diese Herausforderung dir beibringen will – und welche innere Stärke sie in dir weckt.


„Nauðr/Nyd“ ist die Not, der Zwang, die Bedrängnis. Doch in der Not liegt auch der Wille, sie zu überwinden.
Das altenglische Gedicht sagt: Not drückt schwer auf die Brust – doch wird sie den Menschenkindern oft zur Hilfe und Rettung, wenn man sie rechtzeitig beachtet.
Die Not-Rune galt als kraftvoll in der Abwehr; sie steht für das Reibholz, an dem das Notfeuer entzündet wird – aus Mangel entsteht durch Anstrengung das rettende Feuer.
Das Bild ist eindringlich: Erst der Druck (das Reiben zweier Hölzer) bringt den Funken hervor. Not als Geburtshelfer der Kraft.
Nyd byþ nearu on breostan; weorþeþ hi þeah oft niþa bearnum to helpe and to hæle gehwæþre, gif hi his hlystaþ æror.Not ist beklemmend im Herzen; doch wird sie den Menschenkindern oft zu Hilfe und Heil, wenn sie beizeiten auf sie hören.Altenglisches Runengedicht, Str. 10 · Übers. n. Dickins 1915 (gemeinfrei)
Das isländische Gedicht ist bitterer: „Not ist die Trauer der Magd und harte Lage und mühselige Arbeit." Der Kern bleibt: Zwang, der lehrt – die Not, an der der Wille wächst.
Urgermanisch *naudiz „Not, Zwang, Bedrängnis". Gotisch nauþs, altnordisch nauð, altenglisch nyd, deutsch „Not". Ein seltener Fall, in dem der Runenname über anderthalb Jahrtausende semantisch fast unverändert bleibt.
Als Laut /n/ ist Nauthiz allgegenwärtig. In der Heldendichtung (Sigrdrífumál) werden „Not-Runen" als Schutz genannt – ein literarischer Beleg für einen zugeschriebenen Zaubergebrauch, den man von der Alltagsschrift trennen muss.
Nauthiz zeigt die doppelte Botschaft vieler Runengedichte: die Not ist Übel und Lehrmeisterin. Die Runologie liest solche Sinnsprüche als Weisheitsdichtung, nicht als Orakelschlüssel (Düwel; Dickins).
Runengedicht-Zitat: altenglisches Runengedicht nach Bruce Dickins, Runic and Heroic Poems (Cambridge 1915, gemeinfrei); nordische Strophen nach dem norwegischen und isländischen Runengedicht. Deutung & Etymologie nach R. I. Page (Runes), Michael Barnes (Runes – A Handbook) und Klaus Düwel (Runenkunde). Wo Name oder Deutung umstritten sind, ist es im Text vermerkt. Ausführlich: Runenkunde-Überblick.