
Mensch & Selbst
Mannaz ist der Mensch, die Rune des Selbst, der Vernunft und der Gemeinschaft. Sie ruft dich, dich selbst zu erkennen und zugleich deinen Platz unter den Menschen zu achten. Wahre Größe zeigt sich im Maß – kenne dich, und sei den Deinen ein verlässliches Gegenüber.


„Mannaz“ ist der Mensch – verwandt mit dem deutschen „Mann“ und dem englischen „man“. Die Rune steht für das Selbst, die Gemeinschaft und die Stellung des Menschen in der Welt.
Das altnordische Gedicht sagt nüchtern: „Der Mensch ist die Freude des Menschen“ – und zugleich „Mehrung der Erde“. Das altenglische betont, wie jeder dem anderen lieb ist und doch jeder einmal die Erde verlassen muss.
Der Mensch wird hier nicht als Einzelner gedacht, sondern als Teil der Sippe. Mannaz erinnert daran, dass wir uns erst in der Gemeinschaft erkennen.
Der Gedanke „der Mensch ist des Menschen Freude“ findet sich fast wortgleich in der Havamal (Strophe 47) – Geselligkeit als höchstes Gut.
Man byþ on myrgþe his magan leof; sceal þeah anra gehwylc oðrum swican, forðum drihten wyle dome sine þæt earme flæsc eorþan betæcan.Der frohe Mensch ist seinen Verwandten lieb; doch jeder muss den anderen einst verlassen, denn der Herr will nach seinem Ratschluss das arme Fleisch der Erde übergeben.Altenglisches Runengedicht, Str. 20 · Übers. n. Dickins 1915 (gemeinfrei)
Das isländische Gedicht fasst es lakonisch: „Mensch ist die Freude des Menschen und Mehrung des Staubes und Schmuck der Schiffe." Gemeinschaft und Vergänglichkeit in einem Atemzug.
Urgermanisch *mannaz „Mensch, Mann". Altnordisch maðr, altenglisch mann, deutsch „Mann". Tacitus überliefert den Urahn Mannus, Sohn des erdgeborenen Tuisto – der Runenname trägt also einen alten Stammvatermythos in sich.
Im Jüngeren Futhark übernahm die alte Algiz-Form den Namen maðr („Mann"). Als Laut /m/ ist Mannaz überall belegt; ihre Form (zwei Stäbe mit Querverbindung) steht sinnbildlich für Menschen, die sich die Hände reichen.
Mannaz verbindet Sozialethik und Todesbewusstsein – ein Beleg dafür, dass die Runengedichte Weisheitsdichtung sind, keine Wahrsage-Formeln. Der Mannus-Mythos macht sie zusätzlich sprachgeschichtlich wertvoll (Simek; Düwel).
Runengedicht-Zitat: altenglisches Runengedicht nach Bruce Dickins, Runic and Heroic Poems (Cambridge 1915, gemeinfrei); nordische Strophen nach dem norwegischen und isländischen Runengedicht. Deutung & Etymologie nach R. I. Page (Runes), Michael Barnes (Runes – A Handbook) und Klaus Düwel (Runenkunde). Wo Name oder Deutung umstritten sind, ist es im Text vermerkt. Ausführlich: Runenkunde-Überblick.