Das Jüngere Futhark der Wikingerzeit umfasst nur 16 Zeichen – mehrere Laute teilen sich eine Rune. Die Sinnbilder folgen den altnordischen Runengedichten (gemeinfrei).
Das Jüngere Futhark ist die Schrift der Wikingerzeit (etwa 800–1100). Ein Paradox der Schriftgeschichte: Während die Zahl der Sprachlaute wuchs, schrumpfte die Runenreihe von 24 auf 16 Zeichen – eine Rune musste nun mehrere Laute tragen, den Sinn erschloss der Zusammenhang. Erst im hohen Mittelalter fügte man Punkte hinzu (die „stungnar rúnir"), um Mehrdeutigkeiten aufzulösen.
Es gibt zwei Hauptvarianten: die Langzweigrunen (eher dänisch, „vollständig") und die vereinfachten Kurzzweigrunen (schwedisch-norwegisch). Die allermeisten der Tausenden erhaltenen Runensteine sind in dieser Reihe geritzt. Die Runennamen und ihre Merkverse überliefern das norwegische und das isländische Runengedicht (13.–15. Jahrhundert) – die Quelle der Sinnbilder auf dieser Seite.
Im Runengedicht. Reichtum erregt der Sippe Zwist; im Walde nährt sich der Wolf.
Urgerm. *fehu „Vieh, Reichtum". Das nordische Gedicht betont die Kehrseite: Geld sät Zwietracht unter Verwandten (vgl. Fáfnirs Fluchgold). → Fehu ausführlich
Im Runengedicht. Schlacke kommt vom schlechten Eisen; oft läuft das Rentier über harten Schnee.
Im Norden NICHT „Auerochse" wie im Süden, sondern úr „Schlacke/Nieselregen" – ein Musterfall für die Verschiebung der Runennamen. → Uruz ausführlich
Im Runengedicht. Der Riese bringt den Frauen Qual; Unglück macht wenige froh.
Behält den heidnischen Namen *þurisaz „Riese" (im Süden zu „Dorn" entschärft): „Qual der Frauen, Bewohner der Felsen". → Thurisaz ausführlich
Im Runengedicht. Die Mündung ist der Wege Ziel; doch die Scheide ist es für das Schwert.
Nordisch áss „Ase/Odin" – oder óss „Flussmündung"; im Süden zu „Mund" umgedeutet. Der Gottesname überlebte offen nur in Island. → Ansuz ausführlich
Im Runengedicht. Reiten, sagt man, sei für Pferde das Schlimmste; Reginn schmiedete das beste Schwert.
Urgerm. *raidō „Ritt, Reise". Die Deutung „Weg/Fahrt" ist über alle drei Runenreihen konstant. → Raidho ausführlich
Im Runengedicht. Geschwür ist der Kinder Fluch; Kummer macht den Menschen bleich.
Im Norden „Geschwür" – nicht „Fackel" wie im altenglischen Cen. Aus dem Licht wird die eiternde Wunde. → Kenaz ausführlich
Im Runengedicht. Hagel ist das kälteste Korn; Christus schuf die alte Welt.
Urgerm. *haglaz „Hagel". Das norwegische Gedicht christianisiert offen: „Christus schuf die alte Welt". → Hagalaz ausführlich
Im Runengedicht. Not lässt geringe Wahl; der Nackte friert im Frost.
Urgerm. *naudiz „Not, Zwang": „Trauer der Magd und harte Lage" – die Not, an der der Wille wächst. → Nauthiz ausführlich
Im Runengedicht. Eis nennt man die breite Brücke; den Blinden muss man führen.
Urgerm. *īsaz „Eis" – die einfachste Rune, ein senkrechter Strich: „die breite Brücke, den Blinden muss man führen". → Isa ausführlich
Im Runengedicht. Gutes Jahr ist der Menschen Segen; mild war der freigebige Fróði.
Trägt den Sinn der Elder-Rune Jera „gutes Jahr, Ernte"; die umgeformte Rune bekam im Norden den Lautwert /a/. → Jera ausführlich
Im Runengedicht. Sonne ist der Länder Licht; ich neige mich dem heiligen Urteil.
Urgerm. *sōwilō „Sonne": „Schild der Wolken und strahlender Glanz und Verderben des Eises". → Sowilo ausführlich
Im Runengedicht. Tyr ist der Einhändige unter den Asen; oft muss der Schmied blasen.
Der einhändige Kriegsgott – Týr legte die Hand in Fenrirs Rachen. Man ritzt Siegrunen und „nennt Týr zweimal". → Tiwaz ausführlich
Im Runengedicht. Birke ist der grünste Zweig; Loki brachte des Truges Glück.
Urgerm. *berkanan „Birke", der Pionierbaum – Sinnbild von Neubeginn und Wachstum. → Berkano ausführlich
Im Runengedicht. Der Mensch ist der Erde Zuwachs; groß ist die Spanne des Habichts.
Urgerm. *mannaz „Mensch": „Freude des Menschen und Mehrung des Staubes". Nutzt im Norden die alte Algiz-Form. → Mannaz ausführlich
Im Runengedicht. Wasser, das vom Berge fällt als Sturzbach; doch Goldgeschmeide sind kostbare Dinge.
Urgerm. *laguz „Wasser, See" – nah am Segens-Formelwort laukaʀ „Lauch" (Wachstum). → Laguz ausführlich
Im Runengedicht. Eibe ist der grünste Baum im Winter; es prasselt, wenn es brennt.
Die umgekehrte alte Algiz-Form, im Norden zum ʀ/y-Zeichen umgenutzt und nach der Eibe benannt (ýr = Eibe & Bogen). → Eihwaz ausführlich
Runengedicht-Texte gemeinfrei nach Bruce Dickins, Runic and Heroic Poems (Cambridge 1915), sowie dem norwegischen und isländischen Runengedicht. Deutung, Datierung und Etymologie nach R. I. Page (Runes), Michael Barnes (Runes – A Handbook), Klaus Düwel (Runenkunde) und Tineke Looijenga; zum Svingerud-/Hole-Stein: Antiquity (2025). Wo Name oder Deutung umstritten sind, ist es vermerkt. Vertiefend: Runenkunde-Überblick & die 24 Einzel-Runenseiten.
Frei nach dem Altnorwegischen und Altisländischen Runengedicht (gemeinfrei). © Glanz & Gravur.