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Runen – Das große Handbuch

Älteres · Jüngeres · Angelsächsisches Futhark

Unser umfassendstes Werk in einem Band: die drei großen Runenreihen mit echten Runen, Beispielen, Vergleichstabelle, berühmten Funden, Übungen und einer ehrlichen Trennung von Wissen und Mythos.

Vorwort

Runen faszinieren – und um Runen ranken sich mehr Mythen als um fast jedes andere Schriftsystem. Dieses Buch will beides: die Schönheit und Tiefe der alten Zeichen zeigen und zugleich ehrlich trennen, was historisch belegt ist und was später hinzugedichtet wurde.

Im Mittelpunkt steht das Ältere Futhark, die älteste Runenreihe der germanischen Völker. Doch auch das Jüngere Futhark der Wikingerzeit und das Angelsächsische Futhorc kommen ausführlich zu Wort. Wo Namen, Lautwerte oder Bedeutungen unsicher sind, sagen wir es offen – das ist kein Mangel, sondern Redlichkeit.

Die Zitate aus den Runengedichten folgen gemeinfreien Quellen. Die Runen sind im Unicode-Runenzeichensatz gesetzt. Möge dieses Buch euch ein verlässlicher Begleiter sein – am Herdfeuer wie an der Werkbank.

Eine Bitte um Redlichkeit
Runen sind Schrift, bevor sie Magie sind.
Wer sie ehrt, liest zuerst – und deutet danach.

— Leitsatz dieses Buchs

Warum heute noch?

Runen sind kein totes Wissen. Sie stammen aus einer Zeit, in der jedes Zeichen von Hand in Stein, Holz und Knochen geschnitten wurde – dauerhaft, persönlich, bedeutungsvoll. Genau dieser Gedanke lebt in einer guten Gravur weiter: ein Name, ein Spruch, ein Zeichen, das bleibt. Dieses Buch gibt dir das Wissen, Runen zu verstehen, statt sie nur zu schmücken.

Auf einen Blick
Drei Reihen: Älteres und Jüngeres Futhark und das Angelsächsische Futhorc.
Wir trennen Beleg von Mythos und nennen Unsicheres offen.
Zitate gemeinfrei; die Runen sind im echten Unicode-Zeichensatz gesetzt.

Wie Runen funktionieren

Eine Rune ist zunächst ein Buchstabe mit einem Lautwert. Zugleich trägt fast jede Rune einen Namen, der mit ihrem Anlaut beginnt (akrophonisch): *fehu für f, *īsaz für i. Diese Namen sind die Brücke zwischen Schrift und Bedeutung.

Ætt – die drei Geschlechter

Das Ältere Futhark ist in drei Gruppen zu je acht Runen geteilt, jede Ætt genannt (altnord. ‚Geschlecht, Gruppe‘). Diese Dreiteilung ist alt und auf den Brakteaten von Vadstena und Grumpan (um 500) belegt.

Wichtig
Die heute beliebten Götternamen der Ættir (Freyrs, Heimdalls, Týrs Ætt)
sind eine späte/moderne Merkhilfe – nicht für die Runenzeit belegt.
Die Dreiteilung selbst ist alt; die Götter-Zuordnung ist es nicht.

Schreibrichtung & Besonderheiten

Geschichte am Rande

Auf dem Kamm von Vimose steht nur ein Wort: harja. Ob Name, Volk oder Krieger-Ruf, ist bis heute unklar – doch es beweist, dass schon um 160 n. Chr. Menschen ihren Alltagsdingen Runen anvertrauten. Eine Kamminschrift, kein Heldenlied: So bodenständig begann die Runenschrift.

Auf einen Blick
Eine Rune ist Buchstabe und Name zugleich (akrophonisch).
24 Runen, geteilt in drei Ættir zu je acht.
Schreibrichtung frei; Binderunen sparen Platz; Doppellaute nur einmal.

Herkunft der Runen

Woher die Runen stammen, ist nicht restlos geklärt. Die meisten Forscher leiten sie von einem nordital. (alt-italischen) Alphabet ab, möglicherweise mit lateinischem Einfluss; etwa ein Dutzend Runen sind in ihrer Herkunft unsicher. Der Negau-Helm B (vor der Zeitenwende) zeigt eine Inschrift in solch einem Alphabet und gilt als Wegmarke der Debatte.

Die ältesten datierbaren Runen tragen Gegenstände aus Mooren: der Kamm von Vimose (um 160 n. Chr.) mit dem Wort harja. Schon diese frühen Formen sind sicher und ausgereift – Runen waren also vorher schon im Gebrauch. Das Wissen ums Lesen ging später verloren und wurde erst 1865 von Sophus Bugge wieder erschlossen.

Verloren und wiedergefunden

Über Jahrhunderte konnte niemand mehr Runen lesen. Erst Gelehrte wie der Norweger Sophus Bugge und der Däne Ludvig Wimmer entschlüsselten sie im 19. Jahrhundert wissenschaftlich – Zeichen für Zeichen, durch Vergleich Hunderter Inschriften. Was man als ‚Zauberzeichen‘ gescheut hatte, wurde wieder lesbar. Heute kennt die Forschung über 6000 Runeninschriften.

Drei Reihen, eine Familie
Älteres Futhark (24 Runen, ~150–800): die Urreihe.
Jüngeres Futhark (16 Runen, ~800–1100): die Wikingerzeit – weniger Zeichen für mehr Laute.
Angelsächsisches Futhorc (~26–33): England & Friesland – die Reihe wuchs.

Die drei Reihen im Vergleich

Älteres Futhark, Jüngeres Futhark und Angelsächsisches Futhorc sind keine drei verschiedenen Schriften, sondern drei Entwicklungsstufen einer Familie. Wer die Unterschiede kennt, datiert eine Inschrift fast auf den ersten Blick.

Was sich änderte

Zeichen-Vergleich der drei Reihen

Dieselben Laute, andere Zeichen: Wo das Jüngere Futhark zusammenfasst (k/g) und das Futhorc neue Vokale bildet, sieht man den Wandel Zeile für Zeile.

LautÄlteresJüngeresFuthorc
f
u
þ / th
a
r
k
g
h
n
i
s
t
m
z / R

Dieselbe Rune, anderer Klang

Die vierte Rune zeigt den Wandel am schönsten: ansuz (a) im Älteren Futhark wird im Jüngeren zum nasalen a/o und spaltet sich im Futhorc in drei Zeichen – os (o), ac (a) und æsc (æ).

ᚨ → ᚬ → ᚩ ᚪ ᚫ

Schon der Reihenname verrät es: aus Fu-th-ark wurde Fu-th-orc.

Faustregel zur Datierung
24 Runen → alt und pan-germanisch.
16 Runen → Wikingerzeit, Skandinavien.
28+ Runen mit os/ac/æsc → angelsächsisch.

Eine Schrift schrumpft

Das Merkwürdigste der Runengeschichte: Als die Sprache der Wikingerzeit immer mehr Laute entwickelte, wurde die Schrift nicht größer, sondern kleiner – von 24 auf 16 Zeichen. Ein Zeichen musste nun für k und g, t und d, b und p zugleich stehen. Lesen wurde Kopfsache, aus dem Zusammenhang. Warum man kürzte, ist bis heute ungeklärt – vielleicht der Drang zur schnellen, knappen Ritzung im geschäftigen Handelszeitalter.

Eine kurze Zeitleiste

Zwölf Stationen von den ersten Ritzungen bis zur Wiederentdeckung – grob und mit den üblichen Forschungs-Spannen.

Die drei Ættir

Das Ältere Futhark ist in drei Achtergruppen geordnet, jede eine Ætt. Diese Gliederung ist alt und auf Brakteaten belegt; sie half beim Merken und beim Geheimschreiben – Zweig-Runen verweisen auf Ætt- und Platznummer.

Ætt I

Fehu
Uruz
Þurisaz
Ansuz
Raido
Kaunan
Gebo
Wunjo

Ætt II

Hagalaz
Naudiz
Isaz
Jera
Eihwaz
Perþ
Algiz
Sowilo

Ætt III

Tiwaz
Berkanan
Ehwaz
Mannaz
Laguz
Ingwaz
Dagaz
Othala

Erste Ætt – f, u, þ, a, r, k, g, w

ᚠ ᚢ ᚦ ᚨ ᚱ ᚲ ᚷ ᚹ

Fehu, Uruz, Þurisaz, Ansuz, Raido, Kaunan, Gebo, Wunjo. Von Besitz und Urkraft über Gefahr und Götterwort bis zu Gabe und Freude.

Zweite Ætt – h, n, i, j, ï, p, z, s

ᚺ ᚾ ᛁ ᛃ ᛇ ᛈ ᛉ ᛊ

Hagalaz, Naudiz, Isaz, Jera, Eihwaz, Perþ, Algiz, Sowilo. Die Reihe der Naturgewalten und Wenden: Hagel, Not, Eis, gutes Jahr, Eibe, Schutz, Sonne.

Dritte Ætt – t, b, e, m, l, ŋ, d, o

ᛏ ᛒ ᛖ ᛗ ᛚ ᛜ ᛞ ᛟ

Tiwaz, Berkanan, Ehwaz, Mannaz, Laguz, Ingwaz, Dagaz, Othala. Von Recht und Wachstum über Mensch und Wasser bis zu Tag und Erbe.

Wichtig
Die Dreiteilung ist historisch. Die Götternamen der Ættir
(Freyrs, Heimdalls, Týrs Ætt) sind eine moderne Merkhilfe.

ᚠᚢᚦᚨᚱᚲ Das Ältere Futhark

24 Runen · ~150–800 n. Chr. · die Urreihe

Das Ältere Futhark — Im Überblick

Fehu · f
*fehu — Vieh, Besitz
Uruz · u
*ūruz — Auerochse
Thurisaz · þ
*þurisaz — Riese / Dorn
Ansuz · a
*ansuz — (ein) Gott / Ase
Raido · r
*raidō — Ritt, Reise
Kaunan · k
*kaunan — Geschwür / Kien
Gebo · g
*gebō — Gabe
Wunjo · w
*wunjō — Freude, Wonne
Hagalaz · h
*hagalaz — Hagel
Naudiz · n
*naudiz — Not, Zwang
Isaz · i
*īsaz — Eis
Jera · j
*jēra — gutes Jahr, Ernte
Eihwaz · ï/æ
*ī(h)waz — Eibe
Perthro · p
*perþ- — unsicher
Algiz · z
*algiz — Schutz/Elch
Sowilo · s
*sōwilō — Sonne
Tiwaz · t
*tīwaz — der Gott Týr
Berkanan · b
*berkanan — Birke
Ehwaz · e
*ehwaz — Pferd
Mannaz · m
*mannaz — Mensch
Laguz · l
*laguz — Wasser / Lauch
Ingwaz · ŋ
*ingwaz — der Gott Ing
Dagaz · d
*dagaz — Tag
Othala · o
*ōþala — Erbe, Heimat

Das Ältere Futhark ist die älteste und pan-germanische Runenreihe. Es heißt nach den Lautwerten seiner ersten sechs Runen: f, u, þ, a, r, k.

Ehrlich gesagt
Es gibt KEIN Runengedicht aus der Zeit des Älteren Futhark.
Alle Runen-Namen sind rekonstruierte urgermanische Formen (mit * markiert),
erschlossen aus späteren Quellen. Besonders unsicher: *þurisaz, *algiz, *perþ-.

Fehu · f

*fehu — Vieh, Besitz

Beweglicher Reichtum – Vieh war Wohlstand, den man mehren und teilen muss. Der Name ist gut gesichert (ae. feoh).

Uruz · u

*ūruz — Auerochse

Der wilde Auerochse: rohe, ungezähmte Kraft. Der Name *ūruz ist wahrscheinlich, aber nicht ganz sicher.

Thurisaz · þ

*þurisaz — Riese / Dorn

Riese oder Dorn – der Name wechselt je nach Überlieferung (ae. þorn, got. þiuþ, anord. þurs). Gefahr und Abwehr.

Ansuz · a

*ansuz — (ein) Gott / Ase

Ein Gott bzw. die Asen; im Altenglischen umgedeutet zu ós (Mund). Wort, Atem, göttliche Eingebung.

Raido · r

*raidō — Ritt, Reise

Ritt, Reise, Wagen – Bewegung mit Richtung und rechtem Maß.

Kaunan · k

*kaunan — Geschwür / Kien

Im Norden Geschwür, im ae. Gedicht cēn (Fackel/Kienspan). Beide Lesarten kursieren; die urgerm. Form gilt als unsicher.

Gebo · g

*gebō — Gabe

Die Gabe – Geben und Nehmen, Gastrecht, Bündnis. X-Form.

Wunjo · w

*wunjō — Freude, Wonne

Freude und Wonne (ae. wynn).

Hagalaz · h

*hagalaz — Hagel

Hagel – der zerstörerische Korn-Schauer, der zu Wasser wird. Früh ein-, später zweistrebige Form (ᚺ/ᚻ).

Naudiz · n

*naudiz — Not, Zwang

Not, Zwang, Mangel – aber auch heilsam, wer ihr beizeiten begegnet.

Isaz · i

*īsaz — Eis

Eis – Stillstand, Klarheit, Gefahr.

Jera · j

*jēra — gutes Jahr, Ernte

Gutes Jahr und Ernte – Lohn der Geduld. Quelle von engl. year.

Eihwaz · ï/æ

*ī(h)waz — Eibe

Die Eibe. Der Lautwert ist umstritten; sicher ist nur ein vorderer Vokal. In frühen Inschriften selten.

Perthro · p

*perþ- — unsicher

Bedeutung unbekannt – ae. peorð ist selbst dunkel (Würfelbecher? Frucht?). Einer der unsichersten Namen.

Algiz · z

*algiz — Schutz/Elch

Schutz, oft als Elch oder Riedgras gedeutet; der ursprüngliche Name ist unbekannt. Laut z (später ʀ), nie wortanlautend.

Sowilo · s

*sōwilō — Sonne

Die Sonne – Sieg, Lebenskraft. Auch in der Blitz-Form ᛋ.

Tiwaz · t

*tīwaz — der Gott Týr

Der Gott Týr / *Tīwaz, zugleich ein altes Wort für Gott. Gestapelt als magisches Zeichen belegt (Lindholm).

Berkanan · b

*berkanan — Birke

Die Birke – Wachstum, Neubeginn, Schutz des Heims.

Ehwaz · e

*ehwaz — Pferd

Das Pferd – Partnerschaft von Ross und Reiter (lat. equus).

Mannaz · m

*mannaz — Mensch

Der Mensch, das Geschlecht – Gemeinschaft und Vergänglichkeit.

Laguz · l

*laguz — Wasser / Lauch

Wasser/See – oder Lauch (*laukaz), ein Heil- und Schutzwort. Beide Deutungen werden vertreten.

Ingwaz · ŋ

*ingwaz — der Gott Ing

Der Gott Ing/Yngvi(-Freyr). Laut ŋ, nie wortanlautend; in frühesten Inschriften nicht belegt.

Dagaz · d

*dagaz — Tag

Der Tag – Licht, Wende, Klarheit.

Othala · o

*ōþala — Erbe, Heimat

Erbgut, Heimat, ererbter Besitz – Bindung an Sippe und Boden.

ᚠᚢᚦᚬᚱᚴ Das Jüngere Futhark

16 Runen · ~800–1100 · die Wikingerzeit

Das Jüngere Futhark — Im Überblick

Fé · f
Reichtum, Vieh/Gold
Úr · u/v/o/y
Nieselregen/Schlacke
Þurs · þ/ð
Riese (Thurs)
Óss · ą/o
Gott / Flussmündung
Reið · r
Ritt, Reise
Kaun · k/g
Geschwür
Hagall · h
Hagel
Nauðr · n
Not
Íss · i/e
Eis
Ár · a
Jahr, Ernte
Sól · s
Sonne
Týr · t/d
der Gott Týr
Bjarkan · b/p
Birke
Maðr · m
Mensch
Lögr · l
Wasser, See
Ýr · ʀ
Eibe

Im 8. Jahrhundert wurde die Reihe von 24 auf 16 Runen verkürzt – obwohl die Sprache mehr Laute entwickelte. Die Folge: Ein Zeichen trägt mehrere Laute (k/g, t/d, b/p, i/e). Erst die mittelalterlichen punktierten Runen gliederten wieder feiner.

Drei Hauptvarianten: Langzweig (dänisch, für Steine), Kurzzweig (schwedisch-norwegisch, für Holz/Alltag) und die stablosen Hälsinge-Runen. Aus der Wikingerzeit stammen rund 3000 Runensteine, die dichtesten in Uppland.

Die Runengedichte
Die Runen-Namen kennen wir erst aus späteren Quellen:
dem Abecedarium Nordmannicum (9. Jh.), dem Norwegischen (13. Jh.)
und dem Isländischen Runengedicht (15. Jh.).

Fé · f

Reichtum, Vieh/Gold

Reichtum erregt Zwist unter Verwandten – der Wolf haust im Wald.

Norweg. Runengedicht: Fé vældr frænda róge; føðesk ulfr í skóge

Úr · u/v/o/y

Nieselregen/Schlacke

Schlacke aus schlechtem Eisen / Wolkenweinen. Ein Zeichen, viele Vokale.

Norweg. Runengedicht: Úr er af illu jarne; opt løypr ræinn á hjarne

Þurs · þ/ð

Riese (Thurs)

Der Thurs quält die Frauen; wenig Glück bringt Unheil.

Norweg. Runengedicht: Þurs vældr kvinna kvillu; kátr værðr fár af illu

Óss · ą/o

Gott / Flussmündung

Mündung ist der meisten Reisen Weg – im Isländ. Gedicht der alte Gautr (Odin).

Norweg. Runengedicht: Óss er flæstra færða för; en skalpr er sværða

Reið · r

Ritt, Reise

Reiten gilt als das Schlimmste für Pferde; Reginn schmiedete das beste Schwert.

Norweg. Runengedicht: Ræið kveða rossom væsta; Reginn sló sværðet bæzta

Kaun · k/g

Geschwür

Ein Zeichen für k und g. Geschwür ist der Kinder Verderben.

Norweg. Runengedicht: Kaun er barna bölvan; böl gørver nán fölvan

Hagall · h

Hagel

Hagel ist das kälteste Korn; Christus schuf die alte Welt.

Norweg. Runengedicht: Hagall er kaldastr korna; Kristr skóp hæimenn forna

Nauðr · n

Not

Zwang lässt kaum Wahl; nackt friert man im Frost.

Norweg. Runengedicht: Nauðr gerer næppa koste; nøktan kælr í froste

Íss · i/e

Eis

Eis, die breite Brücke; den Blinden muss man führen. Steht für i und e.

Norweg. Runengedicht: Ís köllum brú bræiða; blindan þarf at læiða

Ár · a

Jahr, Ernte

Jahr ist der Menschen Segen; freigebig, sagt man, war Fróði.

Norweg. Runengedicht: Ár er gumna góðe; örr var Fróðe

Sól · s

Sonne

Sonne ist der Länder Licht; ich beuge mich dem heiligen Spruch.

Norweg. Runengedicht: Sól er landa ljóme; lúti ek helgum dóme

Týr · t/d

der Gott Týr

Týr, der einhändige Gott; oft muss der Schmied blasen. Steht für t und d.

Norweg. Runengedicht: Týr er æinendr ása; opt værðr smiðr blása

Bjarkan · b/p

Birke

Birke, das laubgrünste Reis; Loki hatte Glück im Trug. Steht für b und p.

Norweg. Runengedicht: Bjarkan er laufgrønstr líma; Loki bar flærða tíma

Maðr · m

Mensch

Mensch ist Vermehrung der Erde; groß ist die Kralle des Habichts.

Norweg. Runengedicht: Maðr er moldar auki; mikil er græip á hauki

Lögr · l

Wasser, See

Wasser, der Sturzbach vom Berge; doch Schmuck ist aus Gold.

Norweg. Runengedicht: Lögr er fælr ór fjalle foss; en gull ero nosser

Ýr · ʀ

Eibe

Eibe, im Winter das grünste Holz; brennend pflegt sie zu knistern. Laut ʀ (das alte z), meist wortauslautend.

Norweg. Runengedicht: Ýr er vetrgrønstr viða; vænt er, er brennr, at sviða

ᚠᚢᚦᚩᚱᚳ Das Angelsächsische Futhorc

~26–33 Runen · 5.–11. Jh. · England & Friesland

Das Angelsächsische Futhorc — Im Überblick

Feoh · f
Reichtum
Ur · u
Auerochse
Þorn · þ
Dorn
Os · o
Mund/(Gott)
Rad · r
Ritt
Cen · c/k
Fackel
Gyfu · g
Gabe
Wynn · w
Wonne
Hægl · h
Hagel
Nyd · n
Not
Is · i
Eis
Ger · j
Jahr
Eoh · ï
Eibe
Peorð · p
unklar
Eolh · x
Riedgras
Sigel · s
Sonne
Tir · t
Gott Tiw
Beorc · b
Birke
Eh · e
Ross
Mann · m
Mensch
Lagu · l
Meer
Ing · ŋ
Held Ing
Eþel · œ
Heimat
Dæg · d
Tag
Ac · a
Eiche
Æsc · æ
Esche
Yr · y
Bogen?
Ior · io
Flussfisch
Ear · ea
Grab, Erde

In England und Friesland wuchs das Ältere Futhark, um die Laute des Altenglischen abzubilden. Aus der a-Rune (ansuz) wurden drei Zeichen (os, ac, æsc); weitere kamen hinzu. Schon der Name verrät den Lautwandel: aus Futhark wurde Futhorc (a→o).

Provenienz des Runengedichts
Das Angelsächsische Runengedicht überliefert 29 Strophen.
Die Originalhandschrift (Cotton Otho B.x) verbrannte 1731 – der Text überlebt
nur durch George Hickes' Druck von 1705 (Übersetzung nach Bruce Dickins, 1915, gemeinfrei).

Vier weitere Runen – calc, gar, cweorð, stan – stehen ohne Strophe da; cweorð und stan sind reine Handschriften-Zeichen. Die Gesamtzahl ist nicht fest (28/29/31/33).

Feoh · f

Reichtum

Reichtum ist allen ein Trost – doch jeder soll ihn freigebig teilen, will er Ehre erlangen.

Ae. Runengedicht: Feoh byþ frofur fira gehwylcum

Ur · u

Auerochse

Der Auerochse, stolz und überhörnt, kämpft mit den Hörnern – ein mutiges Tier der Moore.

Ae. Runengedicht: Ur byþ anmod ond oferhyrned

Þorn · þ

Dorn

Der Dorn ist überaus scharf, übel zu greifen, hart zu jedem, der unter ihm rastet.

Ae. Runengedicht: Ðorn byþ ðearle scearp

Os · o

Mund/(Gott)

Os ist der Ursprung aller Rede, Stütze der Weisheit – im ae. Gedicht der Mund.

Ae. Runengedicht: Os byþ ordfruma ælere spræce

Rad · r

Ritt

Reiten scheint leicht im Haus, doch kühn dem, der über die Meilenwege reitet.

Ae. Runengedicht: Rad byþ on recyde rinca gehwylcum

Cen · c/k

Fackel

Die Fackel, allen bekannt, brennt hell, wo Fürsten ruhen.

Ae. Runengedicht: Cen byþ cwicera gehwam, cuþ on fyre

Gyfu · g

Gabe

Freigebigkeit bringt Ehre und Würde, Hilfe und Halt jedem Bedürftigen.

Ae. Runengedicht: Gyfu gumena byþ gleng and herenys

Wynn · w

Wonne

Wonne genießt, wer wenig Weh kennt – Glück, Segen und ein gutes Haus.

Ae. Runengedicht: Wenne bruceþ, ðe can weana lyt

Hægl · h

Hagel

Hagel ist das weißeste Korn, fällt vom Himmel, vom Wind gewirbelt, wird dann zu Wasser.

Ae. Runengedicht: Hægl byþ hwitust corna

Nyd · n

Not

Not bedrückt das Herz; doch oft wird sie Hilfe, wer beizeiten auf sie hört.

Ae. Runengedicht: Nyd byþ nearu on breostan

Is · i

Eis

Eis ist sehr kalt, glatt wie Glas, Gemmen gleich – ein Boden, vom Frost gefügt.

Ae. Runengedicht: Is byþ ofereald, ungemetum slidor

Ger · j

Jahr

Sommer ist der Menschen Freude, wenn Gott die Erde glänzende Früchte bringen lässt.

Ae. Runengedicht: Ger byþ gumena hiht

Eoh · ï

Eibe

Die Eibe, außen rauh, fest in der Erde, Hüterin des Feuers, Freude im Heim.

Ae. Runengedicht: Eoh byþ utan unsmeþe treow

Peorð · p

unklar

Peorð ist Spiel und Gelächter der Stolzen im Bierssaal. Bedeutung umstritten.

Ae. Runengedicht: Peorð byþ symble plega and hlehter

Eolh · x

Riedgras

Das Riedgras wächst im Sumpf, wundet grimmig, bedeckt mit Blut, wer es greift.

Ae. Runengedicht: Eolh-secg eard hæfþ oftust on fenne

Sigel · s

Sonne

Die Sonne ist der Seeleute Hoffnung, bis das Meerross sie zu Land bringt.

Ae. Runengedicht: Sigel semannum symble biþ on hihte

Tir · t

Gott Tiw

Tiw ist ein Leitstern, hält Treue den Fürsten, stets auf seiner Bahn über der Nacht Nebel.

Ae. Runengedicht: Tir biþ tacna sum

Beorc · b

Birke

Die Pappel trägt keine Frucht, doch ohne Samen sprosst sie – hoch und schön die Krone.

Ae. Runengedicht: Beorc byþ bleda leas

Eh · e

Ross

Das Ross ist der Fürsten Freude, stolz im Huf, Trost den Ruhelosen.

Ae. Runengedicht: Eh byþ for eorlum æþelinga wyn

Mann · m

Mensch

Der frohe Mensch ist den Verwandten lieb – doch jeder muss den andern einst lassen.

Ae. Runengedicht: Man byþ on myrgþe his magan leof

Lagu · l

Meer

Das Meer scheint endlos, wenn man im schwanken Kahn sich wagt und die Wogen schrecken.

Ae. Runengedicht: Lagu byþ leodum langsum geþuht

Ing · ŋ

Held Ing

Ing ward zuerst bei den Ostdänen gesehen, dann fuhr er ostwärts über die Wogen.

Ae. Runengedicht: Ing wæs ærest mid East-Denum

Eþel · œ

Heimat

Heimat ist jedem teuer, kann er dort in Recht und Wohlstand wohnen.

Ae. Runengedicht: Eþel byþ oferleof æghwylcum men

Dæg · d

Tag

Tag, des Schöpfers Licht, ist den Menschen lieb, Hoffnung für Reich und Arm.

Ae. Runengedicht: Dæg byþ drihtnes sond

Ac · a

Eiche

Die Eiche nährt das Schwein; oft fährt sie über das Meer – die See prüft ihre Treue.

Ae. Runengedicht: Ac byþ on eorþan elda bearnum

Æsc · æ

Esche

Die Esche ist überaus hoch, den Menschen teuer, fest im Stand, wenn auch viele sie befehden.

Ae. Runengedicht: Æsc biþ oferheah, eldum dyre

Yr · y

Bogen?

Yr ist Freude und Würde jedem Edlen, schön am Ross, verlässlich auf Reisen – ein Kriegsgerät (Bogen?).

Ae. Runengedicht: Yr byþ æþelinga and eorla gehwæs

Ior · io

Flussfisch

Iar ist ein Flussfisch, nährt sich doch am Land; ein schöner Wohnort, von Wasser umgeben.

Ae. Runengedicht: Iar byþ eafix

Ear · ea

Grab, Erde

Das Grab ist jedem schrecklich, wenn das Fleisch erkaltet und die fahle Erde zum Bett wird.

Ae. Runengedicht: Ear byþ egle eorla gehwylcun

Berühmte Funde & Runensteine

Runen sind keine Theorie – sie stehen auf Stein, Knochen, Gold und Holz. Eine Auswahl der wichtigsten Zeugnisse, mit Datierung und Bedeutung.

Vimose-Kamm

Fünen, DK · ~160 n. Chr.
Vimose-Kamm

Trägt das Wort harja – die älteste datierbare Runeninschrift. Schon sicher geformt: Runen waren vorher in Gebrauch.

Goldhörner von Gallehus

Jütland · ~400–450
Goldhörner von Gallehus

ek hlewagastiz holtijaz horna tawido – Ich, Hlewagast, [Sohn] des Holt, machte das Horn. Erster vollständiger Satz, Stabreim. Die Originale wurden 1802 eingeschmolzen; der Text lebt nur in alten Zeichnungen.

Kylver-Stein

Gotland · ~400
Kylver-Stein

Die älteste vollständige Futhark-Reihe (alle 24), gefolgt vom Palindrom sueus und einer gestapelten Týr-Rune – oft als magisches Zeichen gedeutet.

Einang-Stein

Norwegen · ~350–400
Einang-Stein

…faihido – ritzte/malte die Rune. Ältester Runenstein an Originalstelle; Runen wurden ursprünglich farbig gefasst.

Lindholm-Amulett

Schonen · 2.–4. Jh.
Lindholm-Amulett

ek erilaz… – ein Runenmeister nennt sich; dazu eine magische Formel mit der Endung alu und acht Ansuz- sowie drei Tiwaz-Runen (Deutung umstritten).

Vadstena-Brakteat

Schweden · ~500
Vadstena-Brakteat

Bester früher Beleg der Dreiteilung in drei Ættir (durch Punkte getrennt). Belegt die Gliederung – nicht die Götternamen.

Rök-Stein

Östergötland · frühes 9. Jh.
Rök-Stein

Die längste bekannte Runeninschrift (~700 Zeichen). Voller Anspielungen auf Heldensage; die Deutung ist bis heute umstritten.

Jelling-Steine

Jütland · ~965
Jelling-Steine

Harald Blauzahn gedenkt seiner Eltern und rühmt sich, die Dänen christlich gemacht zu haben. Dänemarks Taufschein; UNESCO-Welterbe.

Gripsholm-Stein (Sö 179)

Södermanland · ~1010–1050
Gripsholm-Stein (Sö 179)

Ein Ingvar-Stein: …sie starben im Süden in Serkland. Zeugnis des unglücklichen Ingvar-Zuges nach Osten.

Maeshowe

Orkney · 12. Jh.
Maeshowe

Rund 30 Wikinger-Graffiti in einem Steinzeitgrab – Prahlerei über Schätze, Frauen und Fahrten. Alltagsrunen pur.

Bryggen-Stäbe

Bergen · 12.–14. Jh.
Bryggen-Stäbe

Hunderte Runenhölzchen: Geschäftsnotizen, Namensschilder, Liebesbotschaften. Beweis, dass Runen ganz normale Alltagsschrift waren.

Franks Casket

Northumbrien · frühes 8. Jh.
Franks Casket

Walbein-Kästchen mit Runen und Latein; Szenen von Wieland dem Schmied bis zu den Heiligen Drei Königen – heidnisch, römisch und christlich zugleich.

Seax von Beagnoth

Themse · 9.–10. Jh.
Seax von Beagnoth

Eisenmesser mit dem einzigen vollständigen 28-Runen-Futhorc auf einem einzigen Objekt – plus dem Namen Beagnoth.

Negau-Helm B

Slowenien · vor der Zeitenwende

Inschrift in einem nordital. Alphabet – zentrales Stück der Debatte um die Herkunft der Runen.

Undley-Brakteat

Suffolk · 5. Jh.

Früheste angelsächsische Runeninschrift; bildlich nach einer römischen Münze (Wolf mit Romulus & Remus).

Ruthwell Cross

Schottland · 8. Jh.
Ruthwell Cross

Steinkreuz mit Runenversen des Traum vom Kreuz (Dream of the Rood); trägt die Sonderrunen calc & gar.

Codex Runicus

Dänemark · um 1300
Codex Runicus

Eine ganze Handschrift (Schonisches Recht) in Runen – Beweis, dass Runen auch für lange Bücher dienten.

Runen lesen & schreiben

Runen schreibt man nach dem Klang, nicht nach dem modernen Alphabet. Es gibt keine eigenen Zeichen für c, q, x – man nutzt k, kw, ks. Lange und doppelte Laute wurden oft nur einmal geritzt. Worttrenner sind Punkte (·) oder Doppelpunkte (:).

Wer einen Namen graviert, überträgt Laut für Laut. Ein Beispiel im Älteren Futhark:

ᚷᛚᚨᚾᛉ · ᚢᚾᛞ · ᚷᚱᚨᚢᚱ

Glanz und Gravur im Älteren Futhark (v als u-Rune).

Für altnordische Namen der Wikingerzeit nimmt man das Jüngere Futhark – dort trägt ein Zeichen oft mehrere Laute. Mische nie zwei Reihen in einem Wort, wenn es echt wirken soll.

Binderunen

Zwei Laute können sich elegant einen Stab teilen – schön für Monogramme und Initialen. Schon in der Antike belegt (Gallehus, Brakteaten).

Auf einen Blick
Geschrieben wird nach dem Klang, nicht nach dem Alphabet.
Kein eigenes c, q, x – nimm k, kw, ks; Doppellaute nur einmal.
Altnordische Namen: Jüngeres Futhark; mische nie zwei Reihen.

Runen, Magie & Mythos

Runen waren Schrift – aber sie standen auch in rituellem Gebrauch. Auf Brakteaten und Amuletten kehren rätselhafte Wörter wieder: alu, laukaz, laþu. Ihre Bedeutung ist unsicher; man deutet sie als Schutz-, Gedeih- oder Weiheformeln.

Odins Runenopfer (Hávamál 138–139, sinngemäß)
Neun Nächte hing ich am windigen Baum,
vom Speer verwundet, Odin selbst geweiht –
da nahm ich die Runen auf, schreiend nahm ich sie,
und fiel von dort herab.

— Lieder-Edda (gemeinfrei, nach Simrock)

Dieser Mythos erklärt, warum Runen als heilig galten: Odin gewinnt sie unter Schmerz und Opfer. Daraus folgt aber kein festes Orakel-System – die historische Nutzung blieb Schrift, Gedenken und einzelne Zauberworte.

Runenmeister

Früh begegnet der Titel erilaz – ein runenkundiger Meister, der sich auf Stein und Amulett selbst nennt (Lindholm: ek erilaz…).

Auf einen Blick
Runen waren zuerst Schrift, dann Ritual.
Wiederkehrende Zauberworte: alu, laukaz, laþu – Bedeutung unsicher.
Odin gewinnt die Runen im Selbstopfer am Weltenbaum (Hávamál).

Was Wissenschaft sagt – und was Mythos ist

Ein gutes Runenbuch trennt Beleg von Beiwerk. Drei Punkte, die oft verwechselt werden:

1. Orakel-Bedeutungen sind weitgehend modern

Es gibt keinen historischen Beleg, dass das Ältere Futhark als festes 24-Karten-Orakel benutzt wurde. Inschriften sind überwiegend Namen, Macher-Formeln, Gedenktexte und kurze (manchmal magische) Wörter. Die populären Rune-Bedeutungen (Fehu = Fülle usw.) sind Systematisierungen des 20. Jahrhunderts. Die alten Wort-Bedeutungen (Vieh, Hagel, Eis) sind wissenschaftlich; die orakelhaften Deutungen sind moderne Auflage.

2. Armanen-Runen (Guido von List, 1902/1908)

Eine Reihe von 18 Pseudo-Runen, vom Okkultisten Guido von List in einer Vision erschaut. Modern erfunden, kein historisches Alphabet; sie lehnen sich an die 18 Zauberlieder des Hávamál an und flossen später in völkische und NS-Symbolik ein.

3. Die Blank-Rune (Ralph Blum, 1982)

Die leere 25. Rune (Wyrd, Odin) wurde 1982 in Ralph Blums The Book of Runes erfunden. Sie hat kein historisches Vorbild. Viele moderne Runensets enthalten sie nur deshalb.

Kurz gesagt
Sicher: 24 Zeichen, Lautwerte, Chronologie, die Dreiteilung, die (rekonstruierten) Namen.
Modern: feste Orakel-Bedeutungen, Armanen-Runen, die Blank-Rune, die Götter-Ætt-Namen.

Runen heute

Runen sind nie ganz verschwunden. In Dalarna (Schweden) lebten sie als Dalrunen bis ins 19. Jahrhundert. Und sie tauchen an überraschender Stelle wieder auf:

Das Bluetooth-Zeichen

Das Bluetooth-Logo ist eine Binderune aus den jüngeren Runen ᚼ (Hagall) und ᛒ (Bjarkan) – den Initialen von Harald Blauzahn (Blåtand), der einst dänische Stämme einte. Die Funktechnik vereint Geräte – daher der Name.

Tolkien & Popkultur

J. R. R. Tolkien nutzte echte angelsächsische Runen im Hobbit, erfand für Der Herr der Ringe aber eigene Zeichen (Cirth/Angerthas). Diese sind Dichtung, kein historisches Alphabet.

Ein Wort zur Verantwortung
Im 20. Jahrhundert wurden einzelne Runen (etwa Sowilo und Algiz)
von völkischen und nationalsozialistischen Kreisen missbraucht.
Das ist Vereinnahmung, nicht Geschichte. Wir zeigen die Runen als das,
was sie sind: altes germanisches Schrifterbe – für alle.

Einen Runenstein lesen

Die meisten Wikingerzeit-Steine folgen einer festen Gedenkformel. Wer das Muster kennt, liest die immer gleichen Bausteine heraus – auch ohne jede Rune einzeln zu kennen.

Die Gedenkformel

Ein typisches Beispiel, sinngemäß im Uppland-Stil:

„Gunnar und Hólmgeirr ließen den Stein nach Sveinn errichten, ihrem Vater. Gott helfe seiner Seele.“

Das schließende christliche Stoßgebet ist auf vielen späten Steinen Standard – ein feiner Beleg, wie Runen und neuer Glaube zusammenfanden.

Runen ritzen – Material & Werkzeug

Runen sind für harte Stoffe gemacht. Ihre kantigen, schrägen Formen entstanden, weil man sie quer zur Holzmaser ritzte – waagrechte Linien hätten sich im Holz verloren. Darum hat keine einzige Rune rein waagrechte Striche.

Womit und worauf

Und heute

In unserer Manufaktur tritt der Laser an die Stelle von Messer und Meißel: Wir gravieren Runen und Motive in Schiefer, Teak, Baumscheibe und Glas. Das Prinzip bleibt dasselbe – ein dauerhaftes Zeichen in einem dauerhaften Stoff.

Auf einen Blick
Runenformen sind kantig, weil quer zur Holzmaser geritzt.
Stein-Runen waren oft rot ausgemalt – Runen waren bunt.
Material bestimmt die Technik: Stein, Holz, Knochen, Metall – heute Laser.

Häufige Irrtümer

Sind Runen keltisch?

Nein. Runen sind germanisch. Die Kelten schrieben, wo überhaupt, mit Ogham oder dem lateinischen Alphabet. Runen und Ogham sind nicht verwandt.

Gibt es eine ‚Lebensrune‘ und eine ‚Todesrune‘?

Diese Begriffe (für Algiz aufrecht bzw. gestürzt) stammen aus dem 20. Jahrhundert, nicht aus der Runenzeit. Historisch heißt das Zeichen *algiz und meint vermutlich ‚Schutz / Elch-Segge‘.

Konnte man mit Runen zaubern?

Runen standen in rituellem Gebrauch (Amulette, Formeln wie alu), aber sie waren zuerst Schrift. Ein festes Zauber- oder Kartensystem ist nicht belegt.

Sind die Götternamen der Ættir echt?

Die Dreiteilung ist alt; die Namen ‚Freyrs, Heimdalls, Týrs Ætt‘ sind eine moderne Merkhilfe.

Auf einen Blick
Runen sind germanisch, nicht keltisch (Kelten: Ogham/Latein).
‚Lebens-‘ und ‚Todesrune‘ sind Erfindungen des 20. Jahrhunderts.
Die Dreiteilung ist echt – die Götternamen der Ættir sind modern.

Anhang: Aus dem Angelsächsischen Runengedicht

Das Angelsächsische Runengedicht (überliefert durch George Hickes, 1705) beschreibt jede Rune in einer kurzen Strophe. Hier eine Auswahl in deutscher Übertragung; die Originalstrophen stehen gemeinfrei bei Bruce Dickins (1915).

ᚠ Feoh – Reichtum

„Reichtum ist allen ein Trost; doch frei geben muss ihn jeder, wer vor dem Herrn Ehre gewinnen will.“

ᚢ Ur – Auerochse

„Der Auerochse ist stolz und hochgehörnt, ein wildes Tier, das mit den Hörnern ficht – ein kühner Streifer der Moore.“

ᚦ Þorn – Dorn

„Der Dorn ist überaus scharf, übel jedem zu greifen, hart für alle, die sich unter ihn betten.“

ᚩ Os – Mund, Wort

„Der Mund ist der Ursprung aller Sprache, eine Stütze der Weisheit und ein Trost den Weisen.“

ᚱ Rad – Ritt

„Reiten scheint leicht, solange man im Haus sitzt; wahren Mut zeigt erst, wer die langen Wege auf starkem Ross zurücklegt.“

ᚳ Cen – Fackel

„Die Fackel kennt jeder Lebende an ihrer hellen Flamme; sie brennt stets dort, wo die Fürsten sitzen.“

Punktierte Runen & das Mittelalter

Das Jüngere Futhark hatte nur 16 Zeichen für immer mehr Laute. Im Mittelalter half man sich mit Punkten: ein gesetzter Punkt unterschied stimmhafte von stimmlosen Lauten – die stungnar rúnir, die ‚gestochenen Runen‘.

So entstand fast wieder ein vollständiges Alphabet. Mittelalterliche Runen standen lange neben der lateinischen Schrift; der Codex Runicus (~1300) schreibt sogar ein ganzes Gesetzbuch in Runen.

Schreibtafel: dein Name in Runen

So überträgst du einen Namen ins Ältere Futhark – Laut für Laut, nicht Buchstabe für Buchstabe. Für c, q, x gibt es keine eigenen Runen: nimm k, kw, ks.

ᚨ ᛒ ᚲ ᛞ ᛖ ᚠ ᚷ ᚺ ᛁ ᛃ

a b c/k d e f g h i j

ᚲ ᛚ ᛗ ᚾ ᛟ ᛈ ᚱ ᛊ ᛏ ᚢ

k l m n o p r s t u

ᚹ ᚲᛊ ᛃ ᛉ ᚦ ᛜ

v/w x→ks y→j z þ (th) ng

Doppellaute ritzt man oft nur einmal. Wer altnordische Namen der Wikingerzeit schreibt, nimmt das Jüngere Futhark – dort trägt ein Zeichen mehrere Laute.

Übung 1 — Dein Name in Runen

Runen schreibt man nach dem Klang, nicht nach dem Alphabet. Übertrage jeden Laut einzeln; für c, q, x nimm k, kw, ks; Doppellaute nur einmal.

So geht's

Beispiel — der Name Thorsten, Laut für Laut (th-o-r-s-t-e-n):

ᚦ ᛟ ᚱ ᛋ ᛏ ᛖ ᚾ

Thorsten im Älteren Futhark

Jetzt du: sprich deinen Namen langsam, schreib die Laute auf und setze die Runen darunter. Die Übersichtstafel auf Seite 11 ist dein Spickzettel.

(im PDF: Linien zum Selberschreiben)

Übung 2 — Lies die Runen

Sechs kurze Wörter im Älteren Futhark. Übertrage Rune für Rune in Buchstaben. Die Lösungen stehen unten — erst selbst probieren!

1)ᚦᚢᚱ
2)ᛟᛞᛁᚾ
3)ᚱᚢᚾᚨ
4)ᛗᛖᛏ
5)ᚹᚢᛚᚠ
6)ᛋᚲᚨᛚ
7)ᚨᛚᚢ
8)ᚱᚨᚷᚾᚨᚱ
Lösungen
1) Thur (Riese) 2) Odin 3) Runa (Geheimnis) 4) Met
5) Wulf (Wolf) 6) Skal (Skål!) 7) alu (Schutzformel) 8) Ragnar

Wusstest du?

Das Wort alu (Nr. 7) gehört zu den häufigsten Runenwörtern überhaupt. Es steht auf Brakteaten und Amuletten quer durch Nordeuropa; seine genaue Bedeutung ist unsicher, man deutet es als Schutz-, Weihe- oder Gedeih-Formel. Vielleicht das älteste ‚Glücksbringer‘-Wort der Germanen.

Übung 3 — Welche Reihe?

An wenigen Zeichen erkennt man die Reihe. Faustregel: 24 Runen = Älteres Futhark; nur 16 = Jüngeres (Wikingerzeit); mit os/ac/æsc = Angelsächsisch. Welche Zeile gehört wohin?

A)ᚬ ᚴ ᚦ ᛏ ᛚ nur 16 Zeichen, Kurzzweig
B)ᚩ ᚪ ᚫ ᚷ ᚹ mit os, ac und æsc
C)ᚨ ᚱ ᚲ ᚷ ᚹ volle 24er-Reihe, Ansuz = a
Lösungen
A) Jüngeres Futhark B) Angelsächsisches Futhorc C) Älteres Futhark

Wusstest du?

Archäologen datieren Inschriften oft an wenigen Zeichen: Taucht die nasale óss-Rune ᚬ auf, ist es Wikingerzeit; finden sich os, ac und æsc, sitzt man in England. So lesen Forscher aus einer Handvoll Striche ganze Jahrhunderte heraus.

Anatomie einer Rune & Binderunen

Jede Rune besteht aus einem senkrechten Stab und schrägen Zweigen. Waagrechte Linien fehlen fast immer: quer zur Holzmaser geritzt wären sie kaum zu sehen gewesen.

Stab (senkrecht) + Zweige (schraeg) – keine waagrechten Linien

Binderunen — zwei Zeichen, ein Stab

Eine Binderune (altnord./isl. bandrún) verbindet zwei – selten drei – Runen zu einem Zeichen, die sich meist einen senkrechten Stab teilen. Sie ist schon im Migrationszeitalter belegt und im Mittelalter häufig; in der Wikingerzeit dagegen ist sie selten.

So entsteht sie: Man legt die Zweige der einen Rune auf die linke, die der anderen auf die rechte Seite eines gemeinsamen Stabs.

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Konstruktion: Fehu und Þurisaz teilen sich einen Stab.

Wozu Binderunen?

Ehrlich gesagt
Binderunen sind Schreibtechnik, kein Zauber.
Eine eigene magische Kraft ist nicht belegt – das ist moderne Deutung.

Zwei Bauarten

Die normale Binderune fügt benachbarte Runen auf einem Stab zusammen (etwa ein doppeltes d im Namen Hadda). Die Same-stave-Rune (Samstavruna) reiht dagegen mehrere Runen an einer einzigen langen Stablinie auf – typisch für Skandinavien, im Angelsächsischen unbekannt. Auf Steinen wird diese Linie sogar Teil des Bildes: als Schiffsmast (Sö 158, Sö 352) oder als Welle unter einem Schiff (DR 220).

Historische Nachweise

Vom Namen zum Monogramm

Genau das macht Binderunen für eine Gravur reizvoll: Zwei Initialen, die sich einen Stab teilen, ergeben ein unverwechselbares Zeichen. Nimm zwei Runen mit senkrechtem Stab – etwa Tiwaz und Raido – und lass ihre Zweige nach links und rechts zeigen. Ein Monogramm, das tausend Jahre alt wirkt und doch ganz deins ist.

Glossar

Futhark / Futhorc – Name der Runenreihe nach ihren ersten Lauten (f-u-þ-a-r-k bzw. f-u-þ-o-r-c).

Ætt – Eine der drei Achtergruppen einer Runenreihe (altnord. ‚Geschlecht, Gruppe‘).

Akrophonie – Der Runenname beginnt mit ihrem Lautwert (*fehu → f).

Binderune – Zwei oder mehr Runen, die sich einen Stab teilen.

Bustrophedon – Zeilenweise wechselnde Schreibrichtung.

Brakteat – Dünne, einseitig geprägte Goldscheibe; oft mit Runen.

Erilaz – Früher Titel für einen runenkundigen Meister.

Stungnar rúnir – Mittelalterliche punktierte Runen zur feineren Lautunterscheidung.

alu / laukaz / laþu – Wiederkehrende, vermutlich magische Wörter unsicherer Bedeutung.

Abbildungsnachweis

Quellen & Literatur

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